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Grenzgänger – wie Deine Geschichte zu Deiner Superkraft werden kann

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„Der Hauptgrund für unser Leben ist Anderen zu helfen. Und wenn du ihnen nicht helfen kannst, dann tue ihnen zumindest nicht weh.“ — Dalai Lama

 

Moin Menschen,
mein Name ist Kevin – alias @Flensgaenger bei Instagram, ich bin 30 Jahre alt und wohne im Raum Flensburg. Im Folgenden erzähle ich euch von meinem Weg in die pädagogische Arbeit. Besser noch – meine pädagogische Berufung. In den letzten 10 Jahren habe ich Vieles auf mich genommen, erfahren und losgelassen, um dieses Ziel zu erreichen. Nun blicke ich mit Freude zurück und möchte diese Geschichte mit euch teilen.

 

Kevin allein in der Kita

Meine Geschichte beginnt mit dem Kindergarten. Mit fünf Jahren kam ich in den Kindergarten und ich erinnere mich, dass ich da nicht gerne hingegangen bin. Die Eingewöhnungszeit war sehr lang und für alle Beteiligten nervenraubend.

Ich habe mich täglich gewehrt, dort „allein“ zu bleiben. Hin musste ich trotzdem, auch wenn ich nicht wollte. An Einzelheiten kann ich mich kaum erinnern. In diesem Jahr wurden meine Ohren angelegt, da ich von den anderen Kindern sehr gehänselt wurde. Geändert hat es nichts an der Situation.

Gelernt habe ich damals: Wenn andere dich ausgrenzen und dich nicht O.K. finden, dann tu alles dafür, dich anzupassen und nicht aufzufallen. Denn raus kommst du aus der Nummer nicht mehr.

In diesem Teil des Lebens tragen die Erwachsenen die Verantwortung für die Kinder. Meine Eltern haben nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Sie haben sich auf die Kompetenzen der „Fachkräfte“ verlassen, die meiner Meinung nach die größte Verantwortung tragen. Sie sind es, die die Eltern und Kinder unterstützen und begleiten. Ihnen wird ein junges Wesen anvertraut, dass noch ganz am Anfang steht.

 

Die Schule des Lebens

Ein Jahr später kam ich in die Schule, entgegen des Rats der Erwachsenen. Diese empfohlen mir, noch ein Jahr in der Kita zu verbringen, um zu reifen. An sich ein guter Gedanke, jedoch habe ich mich so heftig dagegen gewehrt, dass ich schlussendlich doch eingeschult wurde.

Meine Hoffnungen, dass in der Schule alle besser werden würde, sind ziemlich schnell verflogen. Auch hier bin ich rasch in die Rolle des Opfers geraten, bei den Kindern wie auch bei meiner Lehrerin. Streitereien, Prügeleien, Angst, körperliche und seelische Schmerzen sind die Dinge, die in mir hochkommen, wenn ich an die Grundschule denke.

Für mich ist es heute nachvollziehbar, dass ich Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben lernen hatte. Ob weitere Faktoren noch eine Rolle gespielt haben, ist nach so langer Zeit schwer für mich nachvollziehbar.

Die Bemühungen der Erwachsenen fruchteten nicht. Ich habe es irgendwie durchgezogen und bin schließlich in die Hauptschulstufe derselben kleinen Schule gekommen. Ab der sechsten Klasse wurde ich ruhiger und versuchte, gezielt weniger aufzufallen. Damit hörten viele der Konflikte auf. Ich war nun ein Meister darin, mich zurückzunehmen und klein zu sein.

Mit dem Ende der Hauptschule entschied ich mich für eine Lehre zum Kfz-Mechatroniker. Den Ausbildungsplatz hatte ich schon vor Abschluss der Schule sicher. Da meine Eltern ein Autohaus betreiben, dachte ich, dass dies eine sichere Zukunft für mich sei. Interessant dabei ist, dass meine Eltern keine Ansprüche gestellt haben, was für einen Beruf ich erlerne.

Aus heutiger Sicht denke ich, dass es mein Wunsch nach Harmonie und Sicherheit war, weswegen ich mich so entschieden habe.

 

Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Meine Neugier gegenüber dem Beruf verflog mit der Zeit. Mein Alltag bestand in der Regel aus Fegen, Müll sortieren und Autos waschen. Meine neugierigen Fragen wurden abgetan und kreative Ideen überhört. Es war sehr frustrierend und auch der Meister war keine Unterstützung für mich.

Für das letzte halbe Jahr meiner Ausbildung wechselte ich zu meinem Vater in die Werkstatt. Ich absolvierte meine Gesellenprüfung, wobei ich dabei wohl mehr Glück als Verstand hatte. Als ich dann Geselle wurde, dachte ich, ich hätte nun alles Schlimme überstanden und könnte nun in Ruhe leben und glücklich werden.

Mal davon abgesehen, dass es kein Spaß ist, wenn mein Vater und ich zusammenarbeiten (für keinen von uns), fehlte mir etwas. Von 8:00 Uhr bis 17:00 Uhr in der Werkstatt zu stehen und Autos für fremde Menschen zu reparieren, erschien mir so sinnlos. Wofür tat ich das? Welchen Sinn hat mein Tun? Wird so mein ganzes Leben aussehen?

Mit 15 schon fing ich an, regelmäßig am Wochenende Alkohol zu trinken. Ein Jahr später kam der Cannabiskonsum dazu. So, denke ich heute, hab ich mir die Zeit erträglicher gemacht. Mit Anfang 20 war ich also mit meinen Kräften am Ende und wusste einfach nicht weiter. Ich war verwirrt, fühlte mich wertlos und überflüssig. Mein Vater jedoch half mir und arrangierte ein Treffen zwischen mir und dem neuen Jugendpfleger der Gemeinde.

 

Ein guter Mensch sein

Diese Begegnung war eine der Bedeutendsten meines Lebens. Ich traf also diesen Jugendpfleger und wir unterhielten uns. Ich erzählte ihm von meinem Leid und der Perspektivlosigkeit. Eine Frage, die er mir damals stellte war, was ich grundsätzlich möchte.

Daraufhin antwortete ich ihm: „Ein guter Mensch sein.“ Er fragte mich, was dies für mich bedeuten würde. Bis heute, 10 Jahre später, denke ich noch darüber nach, was es für mich bedeutet, ein guter Mensch zu sein. Nach unserer ersten Begegnung lud er mich ein, ihn im Jugendzentrum zu besuchen und so begann ich dort ehrenamtlich zu arbeiten.

Zusätzlich arbeitet der Jugendpfleger als Schulsozialarbeiter in der Schule, die ich auch damals besucht habe. Dadurch bot sich mir die Gelegenheit, auch darin Erfahrungen zu sammeln. Es dauerte nicht lange und ich erkannte, was für mich sinnvoll ist und was dazu beiträgt, ein guter Mensch zu sein. Anderen Menschen zu helfen!

Ich verbrachte die Zeit mit Jungen und Mädchen, die ein Teil des Systems sind, welches es mir damals schwergemacht hat. Ich wollte ihnen helfen. Ich wollte ihnen beistehen und sie begleiten, damit sie jemanden haben, an dem sie sich orientieren können und nicht ganz allein mit ihren Sorgen und Konflikten fertig werden müssen.

Ich sah es als großen Vorteil an, dass ich in meiner Kindheit und Pubertät auch ein Grenzgänger war und mir so ein Perspektivwechsel leichter fallen würde.  In diesem Moment beschloss ich, Erzieher zu werden.

Nachdem ich meine mittlere Reife nachgeholt hatte, ließ ich mich also zum Erzieher ausbilden und arbeite seither in der Jugendhilfe. Dort arbeite ich mit jungen Menschen zwischen 15 und 20 Jahren zusammen und helfe ihnen dabei, sich auf ein selbstständiges Leben vorzubereiten.

Tendenziell tragen die Jugendlichen herausfordernde biografische Geschichten in sich, geprägt durch Gewalt jeglicher Form, Drogenmissbrauch und/oder Kriminalität. Ich sehe es als meine Aufgabe, diesen jungen Menschen als Berater mit Vorbildfunktion zur Seite zu stehen.

 

Deine Geschichte kann Deine Superkraft werden

Durch die Erfahrungen, die ich selbst in meinem Leben gemacht habe, bin ich sehr mit solchen Lebenssituationen, sowie den damit verbundenen Gefühlen vertraut.  Möglicherweise sind dies Erfahrungswerte, die anderen Pädagogen auch helfen könnten, noch gezielter auf die Jugendlichen eingehen zu können.

Für mich persönlich waren diese Jahre eine Zeit der Heilung. Ich bekam die Gelegenheit mich mit meinem inneren Kind zu beschäftigen. Ich schaffte es Alkohol und den anderen Drogen zu entsagen und lebe nun seit über drei Jahren abstinent.

Dies ist etwas, was ich den Menschen gerne mit auf den Weg geben möchte mit denen ich arbeite. Und zwar gut für sich zu sorgen. Die Dinge die von außen auf uns wirken, können wir selten aussuchen oder steuern. Betäuben oder Verdrängen bringt’s auf Dauer nicht und macht auf gar keinen Fall glücklich.

Was wir jedoch können ist, unsere Einstellung zu den Dingen zu verändern. Jeder von uns hat möglicherweise Leid erfahren, dies ist für mich jedoch keine Entschuldigung oder Ausrede mein Leben mit sinnfreien Dingen zu verschwenden.

Mein Wunsch ist es, etwas zurück zu geben. Vielleicht darf ich für den ein oder anderen Menschen ein Vorbild sein so wie ich meinen Mentor und meine Vorbilder habe. Ich möchte mich nicht darüber beschweren wie ätzend Kita und Schule für mich waren oder teilweise auch noch sind. Ich werde aktiv und möchte diese Bereiche positiv beeinflussen.

 

Mein Blick in die Zukunft

Heute steh ich am Ende dieses Kapitels und richte meinen Blick in die Zukunft.  Das Schreiben dieses Artikels ist eine tolle Möglichkeit gewesen, mir über meine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bewusst zu werden.

An dieser Stelle richte ich einen großen Dank an Ben. Es ist der Moment für mich gekommen, über die Grenzen Deutschlands, und auch über meine, hinauszugehen und Erfahrungen an einem anderen Ort der Welt zu sammeln.

Ich werde in einigen Monaten nach China auswandern und dort in einer Schule arbeiten. Ein Traum, der in meiner Jugend durch äußere Umstände klein gemacht worden ist und nun sehr laut in mir schreit. Ich habe ein neues Feuer in mir entfacht, welches ich nun ausleben werde.

Ich bedanke mich bei allen, die diese Worte lesen und freue mich, wenn ich dadurch den einen oder anderen Gedanken in Bewegung setzen konnte.

Liebe Grüße,

Kevin (@Flensgaenger bei Instagram)

 

 

 

 

 

 

Bildquellen: mit freundlicher Genehmigung vom Autor Kevin

 

 

 

 

  1. Der Weg, den ich zu meinem Ziel hin eingeschlagen habe, ist weder der kürzteste noch der bequemste. Für mich jedoch ist er der beste, weil es mein eigener Weg ist. (Janusz Korczak)
    In diesem Sinne…alles gute auf deinem neuen Weg.

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