Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

In Wirklichkeit weiß ich gar nichts.

0

Wieso bekomm ich das einfach nicht auf die Reihe?

– Ein Artikel von Pia, alias @Pia.Sheperd bei Instagram: Andere würden über mich sagen, dass ich mit meinen jetzt 30 Jahren wirklich schon viel geschafft habe. Ich habe meine Schullaufbahn mit besten Noten abgeschlossen, ein Studium direkt hinten dran gesetzt und in der Regelstudienzeit absolviert, die erste Job-Bewerbung war ein Treffer, es folgte ein Fort- und Weiterbildungsmarathon – „natürlich“ alles geschafft.

Und im Privatleben? Ja, da bin ich immer wieder an den Punkt gekommen, an dem ich mir dachte: „Was zur Hölle? Wieso passiert das immer wieder? Was stimmt denn mit mir nicht?“ Es hat gedauert, es war nicht immer leicht, aber heute bin ich angekommen. Bei mir angekommen, in dem Bewusstsein: Leben ist Veränderung. Also lebe ich mein Ändern. Jeden Tag.

 

„Das ist meine Tochter…“

„…die ist richtig schlau.“ So oder so ähnlich wurde ich schon sehr früh von meinem Vater gerne neuen Leuten vorgestellt bzw. heute empfinde ich es eher als „präsentiert“. Was macht das mit einem Kind? Klar: wenn du schlau bist, gute Leistungen bringst, dann bist du auch automatisch wertvoll. Das war mir als Kind so natürlich nicht bewusst. Aber irgendwie war es in mir drin.

Und da ist es geblieben. Und gewachsen. Hat Wurzeln geschlagen und mich stets und ständig begleitet. Ich mache meinem Vater keinen Vorwurf daraus, er hat nicht viel anderes von mir bemerken können, da er beruflich recht eingespannt war. Aber dass ich clever war, das hat er schnell bemerkt. Und so höflich. Und so hilfsbereit. Das hab ich oft gehört, ständig.

Zack, die nächste Anlage einer konditionierten Grundüberzeugung: „Wenn ich höflich und freundlich bin, wenn ich für andere da bin, dann bin ich gut, dann werde ich gesehen.“ Im Zuge der Scheidung meiner Eltern konnte ich das dann nochmal richtig schön an meinem jüngeren Bruder ausleben, indem ich ihn viel zu sehr bemutterte, mich viel zu verantwortlich fühlte.

Meine Mutter hat oft versucht mich daran zu erinnern, dass ich ein Kind bin. Irgendwie hat das aber nicht so ganz funktioniert. Also wuchs ich als kleine Erwachsene im Kinderkörper heran. In der Schule hatte ich Glück, dass mir der Unterrichtsstoff quasi zugeflogen ist. Ob ich nicht eine Klasse überspringen wolle. Nein, ich wollte bei meinen Freunden bleiben.

 

„Mit der stimmt doch was nicht.“

Zugegeben, das hat so niemand zu mir gesagt. Aber ich hatte häufig das Gefühl, irgendwie anders zu sein. Ich habe nie sonderlich gut Anschluss gefunden, was die anderen gemacht haben, erschien mir irgendwie langweilig und blöd. Nicht falsch verstehen: ich hatte Freunde, immer. Hab alles mitgemacht, was man in seiner Kindheit und Jugend so macht.

Aber irgendwie hatte ich nie das Gefühl, ein Teil einer Gruppe zu sein. Habe mich selbst ständig ausgegrenzt, zurückgezogen. Die erste Beziehung kam spät und scheiterte. Die zweite Beziehung kam, hielt lange, wir zogen zusammen – und auch diese Beziehung scheiterte. Beide Beziehungen wurden von mir beendet, weil ich unzufrieden war.

Rückblickend gesehen hätte mir klar werden müssen, dass nicht immer der Andere der „Verursacher“ des gleichen Problems sein kann. Leider sollte ich das erst später feststellen. Meine dritte Beziehung kam und ich schwor mir: nun soll alles anders werden. Was ich unterschätzt habe: ich habe mich ja wieder genauso in diese Beziehung mitgenommen, wie ich vorher war.

 

Immer der gleiche Mist.

Es dauerte nicht lange, da tauchten auch in dieser Beziehung die gleichen Schwierigkeiten auf. Ich wurde unzufrieden, weil ich das Gefühl bekam, mit allem alleine da zu stehen. Alles alleine machen zu müssen. Nichts, was ich tue reicht aus. Ständig gibt es Streit, wegen der immer gleichen Themen. Das kann doch nicht wahr sein!

Ich habe eingangs erwähnt, dass ich viele Ausbildungen habe. Alles Ausbildungen, die sich mit der menschlichen Psyche und dem menschlichen Verhalten und Sein auseinander setzen. Ich habe Rehabilitationspädagogik studiert und arbeite aktuell in einem Zentrum für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen.

Neurodiversität, also die Unterschiedlichkeit von Denken, Fühlen und Handeln von Menschen ist daher mein täglich Brot. Ich habe mich berufsbegleitend ständig weitergebildet und bin heute außerdem amtsärztlich geprüfte Heilpraktikerin für Psychotherapie, Gesundheitsberaterin, Ernährungsberaterin, Hypnotiseurin und Entspannungspädagogin.

Und nichts, wirklich NICHTS von alldem hat mir dabei geholfen, meine Probleme in meinen Beziehungen zu anderen Menschen, seien es Freunde, Familie, Partner oder Kollegen und Kolleginnen zu lösen. Nichts davon konnte mich davon abhalten, andere zu verunselbstständigen, indem ich ihnen alles abnahm und mich dennoch wie das stetige Opfer zu fühlen.

 

Um etwas zu überwinden, gehe mitten hindurch.

In meinem jetzigen Partner habe ich einen unfassbar aufrichtigen, ehrlichen Menschen an meiner Seite, der mich in meinem Mensch-Sein wertschätzt und mir aber auch den Spiegel an den Stellen hinhält, wo es besonders weh tut. Was nun? Ich liebe diesen Mann. Also ist „Flucht“ – meine bisherige Strategie – keine Option. Blieb also nur der Weg mitten hindurch.

Ich holte zum kompletten Rundumschlag aus: kaufte mir Beziehungsratgeber, suchte Informationen zum Thema Persönlichkeitsveränderung, meldete mich sogar für eine Verhaltenstherapie bei einer Psychotherapeutin. Ich wollte etwas tun. Und Ausschlag gab letztendlich etwas kleines und Leises – ein Podcast über Beziehungen von Andrea Harbeck und Dietmar Hellwig.

Dieser Podcast hat meine Beziehung nicht gerettet. Aber er hat mich gerettet. Nicht wegen des Wissens um Kommunikation in Beziehungen, nicht wegen des eigentlichen Hauptthemas. Sondern wegen der kleinen, leisen Töne. Wegen der Randthematik, die immer wieder angeschnitten wurde: die eigene Persönlichkeitsentwicklung.

 

Wenn du dich veränderst, verändert sich alles.

Und plötzlich wusste ich: Wenn ich wirklich möchte, dass sich etwas in meinem Leben verändert, dann muss ich zunächst etwas an mir selbst ändern. Nicht an meinem Mensch-Sein, nein. Aber an meinem eigenen Denken, Fühlen und Handeln. Wenn ich anders reagieren könnte, dann könnte doch auch mein Umfeld anders reagieren.

Eine Tür wurde in mir geöffnet. Eine Tür, durch die sich mein ganzes therapeutisches Wissen der letzten Jahre endlich mit mir selbst verbinden konnte. Ich fing an, meine Gedanken zu beobachten. Mich weniger zu verurteilen. Achtsamer mit meinen eigenen Gefühlen umzugehen. Mich selbst in meinen Reaktionen zu entschleunigen.

Das, was ich tagtäglich in der Arbeit mit anderen Menschen empfehle, das methodische Vorgehen der kognitiven Umstrukturierung, die Reflektion des eigenen Erlebens und das Verändern von Perspektiven, das zu neuen Handlungsalternativen führt: das war der Schlüssel. Nicht nur reden, nicht nur wissen, sondern HANDELN.

Ich machte es mir zum Lebensmotto. „Sachen machen, Dinge tun“. Nicht mehr nur labern, sondern wirklich arbeiten, an mir selbst. Meine Gedanken identifizieren, verändern. Meine eigene Denk- und Handlungsflexibilität Stück für Stück erhöhen. Ich begann mein Leben zu ändern und mein Ändern zu leben. Jeden Tag ein bisschen mehr, jeden Tag ein bisschen erfolgreicher.

 

Geduld ist eine Tugend.

Natürlich komme ich aus meinen alten Mustern nicht mit einem Fingerschnips heraus, auch nicht mit viel Wissen und Know-How. Dieser Prozess braucht Zeit. Und die gebe ich mir selbst. Ich merke, wie es in meinem Umfeld Dinge verändert. Nicht immer nur zum Guten, nicht immer ist alles angenehm und eitel Sonnenschein. Aber: „so what?“ Das ist es, das Leben.

Ich freue mich, über jeden einzelnen Schritt, den ich vorwärts gehen kann. Ich freue mich über jedes einzelne Leben, dass ich mit meiner Erfahrung, mit meinem Wissen berühren und bereichern kann. Ich kenne meine Lebensaufgabe und setze alles daran, diese so gut wie möglich zu erfüllen. In diesem Sinne möchte ich auch dich dazu aufrufen: Fang an.

Denk dich glücklich. Es ist möglich. Du musst den Weg nicht alleine gehen, wenn du das nicht willst. Ich bin unendlich dankbar, dass ich auf meinem Weg begleitet werde. Von Freunden, von meiner Familie und von meinem wunderbaren Partner. Jeden einzelnen dieser Menschen liebe ich aus ganzem Herzen. Und mich selbst endlich auch.

 

——————————

Über den Autor:

Pia ist immer schon fasziniert gewesen vom Mensch-Sein mit all seinen Facetten des Denkens, Fühlens und Handelns. Beruflich arbeitet sie aktuell mit Menschen aus dem Autismus-Spektrum zusammen und begegnet tagtäglich der mal wunderbaren, mal faszinierenden, mal überwältigenden Vielfalt von Leben und Erleben. Aus eigener Erfahrung und aus fundiertem Fachwissen heraus unterstützt sie Menschen auch auf https://www.instagram.com/pia.sheperd/ mit täglicher Inspiration dabei, ihr Ändern zu leben und sich glücklich zu denken.

 

——————————

Bildquelle: Titelbild vob twinlili, pixelio.de, Autorenbild: von Pia erhalten, mit freundlicher Genehmigung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.