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Vergeben und Damit Leichter Werden

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Eine Geschichte über fiese Freundinnen, beleidigt sein, und dass Frieden eigentlich gar nicht so schwer ist

Ein Artikel von Claudia: In meinem Beitrag möchte ich euch von einer Erfahrung erzählen, die damals mein kleines großes Weltbild nachhaltig veränderte, und wie es dazu kam, dass ich mich seither tatsächlich beinah schon körperlich leichter fühle.

 

„Und jetzt gebt euch die Hand und vertragt euch wieder.“

Mit dieser kurzen Anweisung durch einen Erwachsenen werden kindliche Auseinandersetzungen quasi in Luft aufgelöst. Und tatsächlich hängen Kinder ihren Streitigkeiten oft gar nicht lange hinterher und schnell wird wieder miteinander gespielt. Doch warum klappt das im Laufe der Zeit bzw. je älter man wird eigentlich immer weniger gut?

Als ich mich vor ziemlich genau einem Jahr das erste Mal so richtig mit dem Wort „Vergebung“ an sich konfrontiert sah, habe ich mit Sicherheit enttäuscht das Gesicht verzogen. Klingt nach Jesus und Kirche und überhaupt nicht nach etwas, was sich im normalen Leben umsetzen lässt. Und noch weniger klingt es nach einer spannenden Podcast Folge, wie ich sie gerne beim Kochen höre.

Ich habe mir die Episode, die später so viel in meinem Leben verändern sollte, dann aber doch angehört. Vielleicht aufgrund einer (mir damals nicht bewussten) Neugierde auf das Thema oder einfach deswegen, weil ich da so einen Tick habe und generell bei einer Serie ungern Folgen auslasse. Ist am Ende ja auch völlig egal. 😉

 

Sowas von auf dem Holzweg…

Zu dem damaligen Zeitpunkt war ich gerade auf insgesamt zwei ehemalige gute Freundinnen so richtig beleidigt. Ich fühlte mich zutiefst verletzt, gekränkt und unfair behandelt. Und ich glaube, wenn ich eine der beiden in der Zeit irgendwo auf der Straße gesehen hätte, hätte ich versucht, mich schnellstmöglich hinter einem Baum zu verstecken, nur um sie nicht grüßen zu müssen.

Und in dem Beitrag ging es dann genau um solche Situationen. Wenn man sich als das arme Opfer sieht, sich in Selbstmitleid suhlt und was man sich damit eigentlich selbst antut. Letzteres machte mich stutzig. Niemals würde ich es mir selbst schwer machen! Oder doch…?

Man solle sich vor Augen halten, dass in einer Krisensituation jeder Beteiligte immer genau so handeln würde und sich so gut verhalte, wie es ihm eben gerade möglich sei. Niemand handle absichtlich böse. Niemand wäre gerne im Streit mit jemand anderem. In meinem persönlichen Fall wohl schon gar nicht, war man doch eigentlich schon jahrelang sehr gut befreundet gewesen.

Und Menschen, die jemandem etwas nachtragen, tun ja eben genau das. Etwas tragen. Etwas Schweres. Eine Last. Aber nicht für den anderen, sondern für einen selbst. Der andere bekommt das möglicherweise ja noch nicht mal wirklich mit. Somit ist der Leid tragende – und da ist auch schon das zweite Wortspiel – der Beleidigte.

Bei mir hat es damals dann jedenfalls so dermaßen laut „Klick“ gemacht, dass ich dachte, man hätte es kilometerweit hören müssen. Natürlich! Da wälze ich seit Monaten diese unglaublich schweren Brocken mit mir herum und könnte das alles doch ganz einfach sofort ändern, indem ich diese Geschichten das sein lasse, was sie eben nun mal sind: Vergangenheit.

Und bei der Gelegenheit lass ich auch gleich die schweren Brocken liegen. Wer braucht die schon? Und warum mühe ich mich ständig freiwillig (!) mit ihnen ab?

 

Kochlöffel weg und Laptop aufgeklappt

Ich war schon immer ein sehr impulsiver Mensch. Böse Zungen könnten es natürlich Ungeduld nennen. Ich hatte in dem Moment jedenfalls mit einem Schlag tausend Sätze im Kopf, die raus mussten. Über die vielen Monate der Wut und des gekränkten Stolzes habe ich nicht bemerkt, wieviel ich nie ausgesprochen hab. All das hatte sich regelrecht in mich hineingefressen.

Die eine E-Mail musste sofort raus. Ich habe meine Finger regelrecht über die Tasten fliegen lassen und all das losgelassen, was sich aufgestaut hatte. Ohne Wut. Ohne Beschuldigungen. Denn das, was geschehen war, ist nun mal so geschehen und kann in der Gegenwart nicht mehr verändert werden. Noch so ein wichtiger Fakt.

Nachdem ich den Laptop wieder zugemacht hatte, habe ich mich gefühlt, als wäre eine unbeschreiblich schwere Last von mir abgefallen. Mir war es in dem Moment sogar einerlei, ob meine Freundin überhaupt darauf reagieren würde oder nicht. Ich hatte mir all das bisher Ungesagte von der Seele geschrieben und die Worte hinausgeschickt.

Die Empfängerin hat natürlich schon nach wenigen Tagen reagiert und war dementsprechend überrascht, aber auch überglücklich und wohl ähnlich erleichtert wie ich. Auch an ihr hatte die Vergangenheit ordentlich genagt.

 

Und warum das Ganze?

Dieses Erlebnis hat mich eine so unbeschreibliche Form von Leichtigkeit fühlen lassen, dass ich unbedingt noch mehr davon wollte. Ich wollte von nun an überhaupt nichts mehr mit mir herumtragen. Auf all die schweren, mittelschweren und sogar auf die leichteren Brocken, die ich ständig mit mir herumgetragen hab, hatte ich absolut keine Lust mehr.

Also habe ich nur kurze Zeit später auch den zweiten größeren Krach gut sein lassen und der Betroffenen ebenfalls geschrieben. Die hat noch schneller reagiert, von Tränen der Freude und Erleichterung berichtet und gemeint, sie habe jetzt monatelang mit sich gerungen, sich bei mir zu melden, den Mut aber nicht aufbringen können.

Dabei fühlte ich mich tatsächlich überhaupt nicht so, als hätte ich damit ach so mutig oder gar barmherzig, uneigennützig oder selbstlos gehandelt – habe ich dadurch doch mein eigenes Leben so unglaublich bereichert. Ich meine, natürlich gibt man mit so einer Geste auch dem anderen die Möglichkeit, unnötigen Ballast abzulegen, aber in meinen Augen ist das dann höchstens ein schöner Bonus, nicht der Ansporn.

 

Erstaunlich, wie viel man eigentlich freiwillig mit sich herumträgt

Zum Glück (!) hatte ich nicht noch mehr monumentale Tragödien aufzuarbeiten und deswegen standen auch keine weiteren langen E-Mails auf dem Plan. Aber ich wollte mich eben auch um die kleineren Trümmer kümmern.

Einem Arbeitskollegen, mit dem ich zu der Zeit gerade kein so gutes Verhältnis hatte, habe ich ein Buch empfohlen, dass seiner kranken Frau helfen könnte. Verblüfft und dankend hat er das kleine Zettelchen angenommen und strahlt mich seither wieder an, wenn wir uns begegnen.

Dabei hatte ich mir bis dahin vorgenommen, nur mehr das Nötigste mit ihm zu sprechen. Wie man das eben so macht, wenn man wegen irgendeiner Sache auf jemanden beleidigt ist. Und doch war am Ende ich diejenige, die jedes Mal nervös wurde, wenn ich ihn nur von Weitem gesehen oder gehört hab. Eigentlich ja nicht gerade eine Glanzleistung mir selbst gegenüber.

Meine Nachbarn, mit denen es damals kurz nach meinem Einzug ein paar kleine Meinungsverschiedenheiten gab, kann ich heute tatsächlich aufrichtig freundlich grüßen. Bis dahin wurde auf beiden Seiten der direkte Blickkontakt gemieden und das obligatorische „Guten Morgen!“ und „Hallo!“ eher dem Boden, dem Auto oder dem Gartenzaun zugemurmelt als dem Gegenüber.

Doch seit ich auch diesen Brocken abgelegt und erkannt hab, dass das doch ohnehin niemandem was bringt, läuft’s bei uns. Und das ist auch gut so. Schließlich hatte ja nur wieder ich selbst ein ungutes Gefühl, sobald ich meine Wohnung verlassen hatte oder gerade heimgekommen war.

 

Die Suche nach Frieden

Alle Menschen sind bestrebt danach, in Frieden zu leben. Jedem von uns verlangt es nach Harmonie und Ruhe, das kann niemand leugnen. Suchend stiefeln wir umher und werden doch nicht zufriedener. Doch wie genau stellen wir uns den Weg dahin denn eigentlich vor? Ich glaub auf die berühmte Fee mit Zauberstab, die alles in Ordnung bringen kann, brauchen wir nicht zu hoffen.

Frieden beginnt bei uns selbst. In uns selbst. Das klingt zunächst so utopisch (und außerdem irgendwie auch schon wieder nach Religion und Kirche) und dennoch ist es doch so einfach und simpel. Jeder Streit, jede Auseinandersetzung, ja selbst die dickste Luft, von der man meint, man könne sie fast schon körperlich fühlen, muss überhaupt nicht sein. Weil man es selbst in der Hand hat und jederzeit ändern kann.

Vielleicht müssen wir erst mal einsehen, dass nur wir selbst etwas in unserem Leben ändern können. Nur wir selbst können diese unangenehm schweren Brocken beiseitelegen, die wir mit uns herumschleppen. Das kann und wird uns niemals jemand anderes abnehmen.

 

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Über die Autorin:

Claudia Wehrle ist 34 Jahre alt und lebt in Österreich in der Nähe der Stadt Salzburg. Im Frühjahr 2016 wurde bei ihr die Autoimmunkrankheit „Multiple Sklerose“ diagnostiziert. Entgegen aller ärztlichen Empfehlungen hat sie schon kurz nach der Diagnose für sich beschlossen, anstelle der Einnahme von Medikamenten ihr Leben komplett umzukrempeln und sich selbst Stück für Stück zu heilen – mit Erfolg. Neben einer Ernährungsumstellung hat sie sich unter anderem intensiv mit Persönlichkeitsentwicklung befasst und fühlt sich heute nach eigenen Aussagen so gesund und glücklich wie nie zuvor. Claudia’s Herzenswunsch ist es, anderen Menschen ein Vorbild zu sein und lässt Interessierte gerne unter www.instagram.com/how_i_live_2.0 an ihrem Leben teilhaben.

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Bildquelle: Hans-Peter Dehn, Pixelio.de

 

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